Comics gegen Unsichtbarkeit

02.07.26, 09:00
D.Staudt
Comicworkshop (c) Caritasverband

 

Muslimische Frauen erzählen ihre Erfahrungen mit antimuslimischem Rassismus

RHEIN-SIEG-KREIS. Wie fühlt es sich an, wegen eines Kopftuchs angestarrt zu werden? Wie prägt es den Alltag, immer wieder erklären zu müssen, wer man ist und wer man nicht ist? Diese und viele weitere Fragen standen im Mittelpunkt eines Comic-Workshops für muslimische Frauen, zu dem die Kampagne „Vielfalt. viel wert“ im Caritasverband Teilnehmerinnen aus dem Rhein-Sieg-Kreis eingeladen hatte.

Insgesamt 17 Teilnehmerinnen setzten sich mit ihren persönlichen Erfahrungen auseinander und brachten diese in Form von Comics zu Papier. Angeleitet wurde der Workshop von der Illustratorin und Psychologin Soufeina Hamed, die sich seit vielen Jahren künstlerisch mit Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Diskriminierung beschäftigt.

Antimuslimischer Rassismus bezeichnet die Abwertung, Ausgrenzung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen muslimischen Identität. Er zeigt sich nicht nur in offenen Anfeindungen, sondern auch in alltäglichen Situationen – etwa in Bildungseinrichtungen, bei der Wohnungssuche, am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum. Vor allem Frauen sind betroffen, deren Diskriminierungserfahrungen häufig mit weiteren Zuschreibungen, beispielsweise aufgrund ihres Geschlechts oder eines sichtbaren religiösen Symbols wie dem Kopftuch, zusammenwirken.

Der Workshop, der in Troisdorf stattfand, bot den Teilnehmerinnen einen geschützten Raum*, ihre Erfahrungen selbst zu erzählen und ihnen eine eigene künstlerische Form zu geben. Statt über muslimische Frauen zu sprechen, standen ihre Perspektiven und Stimmen im Mittelpunkt.

Die Erfahrungen der Teilnehmerinnen machten deutlich, wie vielfältig die Erscheinungsformen antimuslimischen Rassismus sind. Sie reichen von verletzenden Kommentaren und Vorurteilen bis hin zu strukturellen Benachteiligungen. Gleichzeitig erzählen die Comics von Widerstandskraft, Selbstbehauptung und Solidarität. Sie laden dazu ein, zuzuhören, Perspektiven kennenzulernen und über die Auswirkungen von Diskriminierung ins Gespräch zu kommen.

Zwei der im Workshop geteilten Erfahrungen wurden von Soufeina Hamed künstlerisch nachillustriert und für die Kampagne Vielfalt. viel wert zur Veröffentlichung autorisiert. Die entstandenen Comics stehen stellvertretend für unterschiedliche Facetten von Diskriminierung und geben Einblicke in Lebensrealitäten, die in öffentlichen Debatten häufig unsichtbar bleiben.

Der Comic-Workshop wurde finanziell von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert und konnte mit Unterstützung der Katholischen Jugendagentur Bonn/Rhein-Sieg umgesetzt werden.

*Die Bedeutung solcher Räume wird auch durch aktuelle Studien unterstrichen. Die bislang größte bundesweite Untersuchung zu Diskriminierungserfahrungen zeigt, dass knapp 29 Prozent der befragten Muslim*innen innerhalb eines Jahres Diskriminierung erlebt haben. Besonders häufig betroffen sind muslimische Frauen mit Kopftuch: Mehr als 38 Prozent berichteten von entsprechenden Erfahrungen. Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, betonte bei der Vorstellung der Studie, dass dieses Ausmaß an Diskriminierung den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde.

Auch das zivilgesellschaftliche Lagebild zu antimuslimischem Rassismus verdeutlicht die Entwicklung: Für das Jahr 2024 wurden bundesweit 3.080 antimuslimische Vorfälle dokumentiert – durchschnittlich mehr als acht pro Tag. Fachstellen gehen zudem von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Die im Workshop entstandenen Comics machen sichtbar, was hinter diesen Zahlen steht: persönliche Erfahrungen, Verletzungen, aber auch Mut, Resilienz und den Wunsch nach Anerkennung und gleichberechtigter Teilhabe.

 

Für Rückfragen: Berivan Mogultay-Tokuş - Vielfalt.vielwert@caritas-rheinsieg.de
Weiterführende Informationen: claim-organisation.de, tuffix.net, ads.de